Betreuung von Angehörigen

KZ-Gedenkstätten arbeiteten seit jeher mit Überlebenden der Konzentrationslager, ihren Familien und Angehörigen ermordeter Häftlinge zusammen. Dem gegenüber gab es bei den Opfern der NS-Euthanasie-Verbrechen so gut wie keine Überlebenden. Angehörige schwiegen in der Regel aus Scham. Sie fürchteten, dass auf ihre Familie ein Makel fallen könnte, wenn bekannt würde, dass es in ihrer Verwandtschaft einen "Geisteskranken" gab. Folglich wurden die Opfer von den eigenen Familien verleugnet. Seit einigen Jahren ist hier jedoch eine Veränderung zu beobachten. Das jahrzehntelange Schweigen wird allmählich gebrochen.

Angehörige aller Generationen wenden sich zunehmend an die Gedenkstätte Hadamar mit der Bitte, Auskunft über das Schicksal von NS-Euthanasie-Opfern zu erhalten. Die Anfragen werden mit Hilfe der in der Datenbank "Opferliste" erfassten Informationen schriftlich beantwortet. Gleichzeitig wird auf eine möglicherweise vorhandene Patientenakte hingewiesen. Da die schriftliche Auskunft nur knapp ausfallen kann und zumeist mehr Fragen aufwirft, als beantwortet, wird darüber hinaus ein persönliches Gespräch in der Gedenkstätte angeboten.

Ein weiteres Element der Betreuung stellt ein Wochenendseminar speziell für Angehörige dar. Es soll Gelegenheit bieten, Fragen zur Geschichte der NS-Euthanasie-Verbrechen mit Schwerpunkt auf die Tötungsanstalt Hadamar zu erörtern. Ebenso können Formen der Trauer behandelt werden. Des Weiteren werden Angehörige gezielt zu der jährlich stattfindenden Gedenkfeier der Gedenkstätte Hadamar am 13. Januar eingeladen.

Die Zusammenarbeit zwischen den Angehörigen und der Gedenkstätte stellt eine gegenseitige Bereicherung dar. Die Angehörigen erfahren die näheren Umstände des Leidens und Sterbens ihrer Verwandten. Oftmals überlassen sie der Gedenkstätte Kopien von Familienpapieren und Fotos, so dass die Opfer ein Gesicht erhalten und aus den einzelnen Zeilen in der Datenbank Lebensgeschichten entstehen. Damit erhält das Gedenken an die Opfer individuelle Konturen.