Jahrestag der Befreiung – 26. März 2020

Gisela Puschmann
Gedanken zur Gedenkstunde am 26. März 2020


"Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag; Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."
(Dietrich Bonhoeffer)


Dietrich Bonhoeffer hat diesen Satz formuliert in dem Wissen, dass die Nazis ihn nicht am Leben lassen würden.

Ob man gläubig ist oder nicht, ob man Christ, Jude, Moslem, Buddhist, Hinduist ist, dieser Satz verströmt eine ungeheure Fülle an Kraft, Trost und Zuversicht und dies wird noch verstärkt durch das Wissen, in welcher Lebenslage Dietrich Bonhoeffer zu diesen Worten fähig war. Dieser Satz ist Ausdruck dessen, was nach der Nazizeit Eingang in unsere Verfassung Artikel 1 GG, die Würde des Menschen, gefunden hat.

Dieser Satz ist wie ein wärmender Mantel, den uns ein barmherziger Mensch in einer kalten Nacht um die Schultern legt; er ist wie ein Sonnenstrahl, der durch die Wolkendecke bricht, er ist wie der neu heraufziehende Tag, der von Licht und Wärme kündet, er ist wie die Schale Wasser, die man dem Verdurstenden reicht.

Wenn wir als Angehörige uns am 26.03. eines jeden Jahres in Hadamar versammeln, dann wollen wir unseren Angehörigen, die in der Tötungsanstalt von den Nazis ermordet wurden, nahe sein. Wir wollen ihnen zeigen, ihr gehört zu uns und seit unvergessener Teil unserer jeweiligen Familie. Wir wollen ihren Seelen Ruhe geben und helfen, die Wunden, die dieser Tod ihnen und unseren Familien zugefügt hat, zu heilen.

Wir wollen ihnen den wärmenden Mantel umlegen, die Schale Wasser reichen, den Sonnenstrahl senden, all das, was ihnen vorenthalten wurde, als sie durch die Hand der Nazis den Tod fanden.

In diesem Jahr werden wir nicht zusammen kommen können, aus Rücksicht auf unser aller Leben.

An diesem 26.03.2020 werde ich für einige Minuten in Stille und Ruhe, in Demut und Dankbarkeit vor diesem Leben verweilen.

Ich werde mich erinnern an diejenigen, die nicht mehr bei uns sein können, weil ihnen dieses Leben von den Nationalsozialisten genommen wurde, die ihre Morde zynisch als "Gnadentod" bezeichneten.

Ich werde die Götter dieses Universums darum bitten, allen Menschen die Einsicht zu geben, dass wir nur für wenige Jahre auf diesem Planeten verweilen, dass alles, was dieser Planet uns bietet, auch für alle da ist und jeder ein anständiges, ehrbares und würdevolles Leben verdient, egal welchen Glaubens, welcher Herkunft, welcher Hautfarbe er ist.

Helga Ortlepp, meine Tante, war eine derjenigen, die zu den Ermordeten gehörte. Sie musste am 30.01.1941 im Alter von knapp 18 Jahren den Weg in die Gaskammer von Hadamar antreten, zusammen mit 77 weiteren Menschen. Ihr Leben und das all der anderen, die ihr noch in der Mordanstalt von Hadamar
Gisela Puschmann in den Tod folgen sollten, war nichts wert, nach der Auffassung der Nationalsozialisten.

Millionen weiterer Menschen sollten ihr in die Gaskammern in den zahlreichen Mordeinrichtungen der Nazis folgen, wenn die Schergen sie nicht vorher erschossen, hängten, zu medizinischen Versuchen missbrauchten oder verhungern, verdursten und an Erkrankungen sterben ließen.

Das alles könnte zu Wut und Rache der Angehörigen und ihrer Nachkommen führen, wäre da nicht der kraftvolle Satz von Dietrich Bonhoeffer und die Botschaft, die meine Tante mir hinterlassen hat.

Wut und Rache erwecken die Toten nicht mehr zum Leben, sondern zerstören bestehende Leben. Geh den Weg der Verständigung und Versöhnung und genau dies ist auch in dem Satz von Dietrich Bonhoeffer zu finden.

Jetzt und heute sollten wir verstehen, dass dieser Globus unser aller Heimat auf Zeit für unser jeweiliges Leben ist, dann können wir lernen, einander unvoreingenommen zu achten und zu respektieren und vor allem, Respekt und Achtung vor jedem anderen Leben aufzubringen.

In Dankbarkeit für all die, die sich in der Gedenkstätte täglich mit dem Vernichtungsfeldzug der Nazis auseinandersetzen und den Angehörigen zur Seite stehen.

In Dankbarkeit für all die, die derzeit Leben retten, die sich für uns alle einsetzen und für diejenigen, die dies tagtäglich tun, in aller Welt. In Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, in den Armenvierteln, in Hilfsorganisationen, in Gedenkstätten; diese Menschen sind meine persönlichen Vorbilder.

In Dankbarkeit für diesen Planeten, der uns Heimat ist, uns so reich mit allem versorgt.

Tragen wir weiter dazu bei, dass dieser Reichtum allen zur Verfügung steht. Tragen wir weiter dazu bei, behutsam mit diesem Planeten, mit Flora und Fauna und mit unseren Mitmenschen umzugehen. Tragen wir weiter dazu bei, dass wir unser Miteinander im Sinne des kraftvollen Satzes von Dietrich Bonhoeffer für alle Menschen, für deren Teilhabe, ein würdiges Leben führen zu können, ordnen und versuchen wir, danach zu leben.

All die, derer wir an jedem 26.03. gedenken, würden dies sicher begrüßen.


Frankfurt am Main, März 2020